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Die Sikh in ThailandDie Sikh haben sich gut in Thailand eingelebt

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Die Sikh in Thailand

Wenn man in der Stadt Bangkok spazieren geht, ist es nicht ungewöhnlich, in der bunten Menge dieser Metropole Männer und Frauen mit indischem Aspekt zu begegnen, die sich mit der Leichtigkeit derer bewegen, die die Stadt gut kennen und dort wohnhaft sind. Die Männer tragen einen Bart und einen Turban, die Frauen sind im indischen Stil gekleidet und die jungen Männer tragen ihre gesammelten Haare in einem kleinen Netz.

Sie sind Mitglieder der Sikh-Gemeinschaft, die sich seit langem für ein Leben in Thailand entschieden haben.

Herkunft und Einwanderung

Die ersten Sikh-Einwanderer in Thailand, meist Händler, kamen aus Panjab im heutigen Nord-Pakistan. In der zweiten Hälfte des XIX Jahrhunderts, unter der Herrschaft von Rama V, während der Panjab noch Teil des Britisch-Indien-Imperiums war, begann eine stetig fortschreitende Wanderungsbewegung. Thailands Anziehungskraft auf die Sikh lag in seinem Ruf als gastfreundliches Land und seinem guten Geschäftspotenzial. Einige Einwanderer zogen mit dem Dampfer von Kolkata oder Yangon nach Bangkok, andere landeten von Madras herkommend in Pinang, Malaysia, noch andere entschieden sich um die Jahrhundertwende für den Landweg durch Myanmar nach Chiang Mai in Nordthailand.

Wie es bei Migranten oft der Fall ist, dachten die Sikh, dass sie nach ein paar Jahren im Ausland vermögend nach Hause zurückkehren würden. Nach der Teilung des ehemaligen Britischen Kaiserreichs zwischen Pakistan und Indien im Jahr 1947 entschieden sie sich jedoch für einen dauerhaften Aufenthalt in Thailand. Als Folge der Ereignisse kam dann ein zusätzliches Kontingent von Sikh, die aus dem pakistanischen Panjab, der nun zu einen muslimischen Staat gehörte, geflohen waren.

Heute hat die Mehrheit der Sikh die thailändische Nationalität; die meisten leben in Bangkok, Chiang Mai, Phuket und Pattaya. Ihre genaue Zahl ist nicht bekannt, aber es wird geschätzt, dass sie zwischen 15.000 und 20.000 liegt, von denen etwa 70% in Bangkok leben.

Die Statistik beweist, dass die Wanderungsbewegungen der Sikh-Bevölkerung innerhalb Thailands dem Geschäftspotential der von den Sikh bewohnten Gegenden entspricht (z. B. ihre Ansiedlung im Nordosten zwischen 1959 und 1975, während der Präsenz der im Vietnamkrieg engagierten, Nordamerikanischen Streitkräften).

Integration und wirtschaftliche Aktivitäten

Die Sikh sind gut im Königreich integriert; sie sprechen die thailändische Sprache, oft sogar unter sich, praktizieren und verstehen jedoch weiterhin ihre Panjabi-Muttersprache.

Ihre Dankbarkeit gegenüber dem Gastland äussert sich in regelmässigen Spenden an thailändische Institutionen (Tempel, Königliche Entwicklungprojekte, Schulen, Waisenhäuser, Blutspenden usw.) und in Katastrophenhilfe.

Die Sikh vermitteln den Eindruck, eine eng verbundene, tendenziell egalitäre Bevölkerungsgruppe zu sein, die Selbsthilfe und Endogamie praktiziert; das Kastensystem existiert dort nicht. Es gibt jedoch soziale Klassen mit unterschiedlichen Einkommen und Gewohnheiten. Es wurde zum Beispiel festgestellt, dass höhere sozioökonomische Klassen stärker in soziale Aktivitäten und Interaktionen involviert sind.

Zusätzlich zu ihren somatischen Eigenschaften sind die Sikh an ihrer Aufmachung erkennbar, obwohl sie je nach Familien und Individuen variieren kann : Männer sind im allgemeinen bärtig, tragen lange Haare, die in einem Knoten zusammengerollt und von einem Turban bedeckt sind; Frauen tragen oft indische Kleidung (Sari), lange Haare und ein Stahlarmband.

Die meisten Sikh sind in Geschäften tätig, für die sie die Kenntnisse von Generation zu Generation weitergegeben haben. Sie arbeiten oft in textilbezogenen Berufen (Herstellung, Konfektion, Verkauf), im Immobilienbereich und im Hotelfach. Junge Menschen, die in Thailand oder im Ausland ausgebildet wurden, neigen dazu, „moderne“ Tätigkeiten zu praktizieren (Informatik, Wirtschaft).

Verglichen mit dem Durchschnitt der thailändischen Bevölkerung ist das wirtschaftliche Niveau der Sikhs ziemlich hoch.

Religion

Sikhismus ist monotheistisch; die Sikh glauben an einen unzerstörbaren, unsichtbaren und schöpferischen Gott des Kosmos. Sein Name ist Sat Guru (Wahrer Meister) und sein Wort ist im heiligen Buch Adi Granth oder Guru Granth Sahib enthalten. Ein Sikh-Tempel heißt Gurdwara oder Tor des Guru.

Der Prophet des Sikhismus, Schöpfer und erster Prediger der Religion, war ein Hindu aus Lahore in Nordwest-Indien namens Guru Nanak. Er lebte von 1469 bis 1539; während seiner Kindheit fanden zahlreiche Wunder (z.B. der rotierende Schatten eines Baumes wie bei Siddhartha Gautama) und Offenbarungen statt („Gott ist weder Hindu noch Muslim, er ist in unserem Herzen“). Als Erwachsener gab Guru Nanak seine Arbeit als hoher Beamter auf, umgab sich mit Jüngern und bildete eine Gemeinschaft von Gläubigen (khalsa). Die von seinen Gefährten geschriebe Geschichte seines Lebens, erzählt, dass seine Predigten von seinem Schüler Mardana auf der Laute begleitet wurden. Guru Nanaks Unterricht basiert auf drei Praktiken: Teilen, Ehrlichkeit und Meditation.

Von 1499 bis 1521 bereiste Guru Nanak Asien (Indien, Afghanistan, Iran, Tibet, Bhutan, Sri Lanka), Zentralasien und den Nahen Osten (Mesopotamien, Arabien, Palästina). Er erreichte das Ufer des Mittelmeers in Palästina.

Vor seinem Tod ernannte er seinen Nachfolger, dem später noch acht weitee Gurus folgten; der letzte Guru, Guru Gobind Singh (1666-1709), übertrug die Autorität der Gurus im XVIII Jahrhundert auf das heilige Buch. Der zweite Guru, Guru Angad, erfand eine Schrift namens gurumukhi, mit der die heiligen Texte geschrieben wurden. Der wichtigste heilige Text, Adi Granth oder Guru Granth Sahib, wurde im XVII Jahrhundert geschaffen; er enthält Hymnen, die regelmäßig in den Tempeln gelesen werden. Kopien dieser Sammlung werden in den Sikh-Tempeln aufbewahrt, wo sie mit Stoff bedeckt auf einer Art Liege ruhen. In dieser Religion ohne Priester werden Gruppengottesdienste von einem männlichen oder weiblichen Gottesdienstleiter geleitet, der granthi heißt, die heiligen Texte liest und sich auch mit der Verwaltung des Tempels befasst; zum Gottesdienst gehört eine Passage namens kirdar, in der die Hymnen des heiligen Buches begleitet von einem Streichinstrument, der Sitar, gesungen werden. Meditation (formell oder informell) nimmt eine sehr wichtige Stellung im Leben eines Sikh ein, der häufig einen perlenbesetzten Rosenkranz benutzt um die Konzentration zu fördern.

Der wichtigste Sikh-Tempel, der als Goldener Tempel bekannt ist, befindet sich in Amritsar im indischen Panjab. Er wurde 1601 erbaut und stellt ein starkes religiöses und politisches Symbol dar. Über dem Haupteingang des Tempels sind die Worte des Moul Mantar, die am Anfang des Adi Granth stehen, in goldenen Buchstaben eingemeisselt : „Es gibt einen Gott“.

Sikh lehnen Kasten ab; um zu verhindern, dass ein Name die Kaste einer Person verrät entschied sich Guru Gobind Singh im 17. Jahrhundert, männlichen Namen die Bezeichnung Singh (Löwe) und weiblichen Namen das Wort Kaur (Prinzessin) hinzuzufügen.

Um ihre Verbundenheit mit der Religion auszudrücken, tragen Sikh die 5K: Kesh (ungeschnittenes Haar), Kangha (Kamm), Kara (Stahlarmband), Kaccha (Unterhose) und Kirpan (Dolch), die manchmal auf 3 reduziert werden.

Das Khanda (zentrales Schwert, Kreis und zwei Säbel) ist das Symbol der Sikh-Identität.

Der Tempel von Phahurat in Bangkok

Im Jahr 1912 errichteten die Sikh von Bangkok einen ersten Tempel (Gurdwara), der 1951 durch den heutigen Tempel in der Nähe des indischen Marktes von Phahurat ersetzt wurde. Heutzutage besitzen die Sikh in Thailand neunzehn Tempel, die im ganzen Königreich verteilt sind. Im Jahr 2005 wurde der Sikhismus zusammen mit Buddhismus, Islam, Christentum und Brahmanismus offiziell als eine der 5 Religionen des Landes anerkannt.

Der Tempel von Phahurat ist, wie alle Sikh-Kultstätten, ein soziales und Begegnungszentrum der Sikh-Gemeinschaft. Weitgehend offen für Gläubige, bietet es ihnen zunächst spirituelle Hilfe (Gottesdienste, Hochzeiten, Taufen, Beratung). Aber es bietet auch vegetarische Mahlzeiten, Besprechungs- und Ruheräume, medizinische Versorgung, Informationen über das Gemeinschaftsleben, medizinische Versorgung, Schulbildung usw.

Einige der Tempelräume beherbergen die heiligen Bücher, die fortlaufend von den Granthi gelesen und nach dem Lesen in reich verzierten Liegen aufbewahrt werden.

Die Sikh heissen Besucher willkommen; diese dürfen den Tempel besichtigen und sogar zu den Feierlichkeiten, die dort stattfinden, eingeladen werden. Die Gläubigen gehen in den Tempel, um Opfergaben zu geben, aber auch um andere Menschen zu treffen, Zeit zu verbringen, Zeitung zu lesen oder Rat zu suchen. Kein Sikh ist sich selbst überlassen, der Tempel ist der Ort, an dem die Verbindung zu seiner Gemeinschaft entsteht. Die Tempel-Aktivitäten werden durch die Geschenke von Gläubigen finanziert, die normalerweise 10% ihres Einkommens dem Tempel abgeben; viele arbeiten freiwillig in allen den dem Tempel obliegenden Aufgaben.

Die Sikh, die seit mehr als 160 Jahren in Thailand leben, haben es geschafft, sich in die thailändische Gesellschaft zu integrieren ohne ihre kulturellen und religiösen Besonderheiten einzubussen.



 

Cosimo Nocera ist Historiker und Museumsführer am Nationalmuseum in Bangkok. Er lebte und arbeitete in Italien, der Schweiz und den Andenländern (Peru, Ecuador und Bolivien). Nach einem längeren Aufenthalt in Südost Asien, lebt er derzeit in der französischen Schweiz.

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