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Sikkim, Darjiling, Eindrücke aus dem indischen Himalaya/1Sikkim und Darjiling, das himalayische Indien; Geschichte Sikkims und Fotogalerie

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Die Artikelfolge über Sikkim und Darjiling besteht aus acht Teilen :

1) Sikkim und Darjiling, das himalayische Indien; kurze Geschichte Sikkims; Fotogalerie

2) Kurze Geschichte Darjilings; Fotogalerie

3) Kurzinformation über die ursprünglichen Religionen und den tibetanischen Lamaismus

4) Die lamaistischen Klöster. Das Kloster Yiga Choeling Ghum in Darjiling

5) Sikkimesische Klöster : Sanghak Choeling und Pemayangtse, in Pelling

6) Sikkimesische Klöster : Enchey und Ramtek, in Gangtok

7) Sikkimesische Klöster : Tashiding; Yung Drung Kundrak Ling Bön

8) Sikkimesische heilige Stätten : Chörten Do Drum, in Gangtok; der Khecheopalri See


 

Sikkim und Darjiling, das himalayische Indien

Heutzutage ist Sikkim oder Dendzong ein südlich des Himalayas gelegener Mitgliedstaat der indischen Union; seine Nachbarstaaten sind Bhutan im Osten, Nepal im Westen und Tibet (VR China) im Norden. Seine Oberfläche beträgt etwa die Hälfte des Bundeslandes Schleswig-Holstein; seine Bevölkerung überschreitet zurzeit 610’000 Bewohner und besteht aus den aus Assam oder Oberbirma stammenden Leptscha, sowie aus tibetanischen Bhutia, Tibeter, Inder und 75 % Nepalesen, deren Einwanderung im XIX. Jahrhundert, während der Britischen Kolonie, begonnen hatte.

Während die Lepcha, Bhutia, Tibeter und ein Teil der Nepalesen sich zum Lamaismus (tibetanischer Buddhismus) bekennen, sind die Inder und die Mehrheit der Nepalesen Hinduisten.

Höhenmässig erstreckt sich Sikkim von 280 bis 8598 m; an der Grenze zu Nepal befinden sich einige Berge, die zu den höchsten des Himalayas zählen (z.B. den Kangchendzonga 8598 m). Aus hydrographischer Sicht wird das Land in Nord-Süd-Richtung von zwei großen Flüssen, der Tista und der Rangit, durchzogen.

Auf den Terrassenfelder Sikkims werden Reis, Gerste, Hafer, Mais, Hirse, Gemüse, Tomaten und verschiedene Früchte angebaut; das Vieh besteht aus Pferden, Rinder, Schweinen, Ziegen, Schafen und Geflügel. Ein bedeutender Teil der Bevölkerung ist in der Landwirtschaft tätig und lebt autarkisch.

Die Lepcha verfügen über einen Dzongu genannten, in der Mitte des Landes gelegenen, autonomen Bezirk.

Aus historischer Sicht ist Sikkim eine Grenzmark Tibets und teilt dessen Kultur, Religion und Geschichte; das Gebiet von Darjiling-Kalimpong, derzeit Teil des indischen Bundesstaat West-Bengalen, gehört ebenfalls dazu.

Kurze Geschichte Sikkims

Man ist sich darüber einig, dass die Leptscha aus Assam oder Ober-Birma stammen; das Datum ihrer Ankunft im Land ist jedoch nicht bekannt, soll jedoch zwischen dem VIII. und XIII. Jahrhundert liegen. Diese sino-tibetische Volksgruppe hing animistisch-schamanistischen Überzeugungen an. Im XV. Jahrhundert wanderten tibetanische Bhutia, die sich auf der Flucht vor religiösen Unruhen in Tibet befanden, ins Land. Ab dem XIX. Jh. siedelten sich als Folge der britischen Kolonisierung Indiens und des wachsenden Drucks der Kolonisatoren auf den sikkimesischen König, zahlreiche nepalesische Gorkha in Sikkim an.

Lange vor Darwin, erzählten die Sagen, die Abstammung der Tibeter, wie auch der Sikkimesen, sei der Verbindung zwischen einem Waldaffen und einer Felsen-Dämonin zu verdanken.  Vor dem VII. Jh., wurden die Einwohner Tibets und seiner Grenzländer von den chinesischen Chroniken als wildes und kannibalistisches Volk, ohne eigene Schrift und Anhänger einer animistisch-schamanistischen Religion namens Bön beschrieben.

Um 641, unter König Song Tsen Gampo, brachte ein vom König nach Indien geschickter Bote den Buddhismus und die tibetische Schrift nach Tibet. Seinen streng buddhistischen Ehefrauen, eine Chinesin und eine Nepalesin, war es gelungen, den König von den Vorteilen dieser Wahl zu überzeugen. Im Jahr 747 kam der aus Kaschmir stammende tantrische Mönch Padmasambhava oder Guru Rinpoche nach Tibet, wo er den Lamaismus gründete; diese tibetische Variante des Buddhismus ist durch den Vajrayana-Buddhismus inspiriert und enthält diverse Elemente der tibetanischen Mythologie und des Geisterglaubens.

Elemente zur frühern Geschichte Sikkims können in tibetanischen Sagen gefunden werden : eine dieser Sagen erzählt, dass im XII. Jh., Guru Tashi, ein aus Ost-Tibet stammender Prinz, eine göttliche Offenbarung hatte, die ihn dazu aufforderte, sich in den Süden zu begeben um sich dort zu niederlassen. Alsdann machte er sich mit seiner Familie und seinen fünf Söhnen auf den Weg. Im Verlauf der Reise durchquerten die Wanderer ein Sakya Reich (die Sakya sind eine der grossen tibetanischen Sekten), wo dem erstgeborene Sohn Tashis, aufgrund seines grossen Wissens, das Angebot gemacht wurde, sich dort niederzulassen; er erhielt den Namen Khye Bhumsa und der König von Sakya bot ihm die Hand seiner Tochter an. Die Familie siedelte sich im tibetischen Chumbi-Tal an, das zu dieser Zeit zu Sikkim gehörte. Khye Bhumsa trat mit Thekong Tek, Priester-König der Leptscha, der im südlichen Chumbi-Tal herrschte, in Verbindung. Unter der Schirmherrschaft des heiligen Kangchendzonga-Berges gelobten sich die beiden Könige ewige Treue. Gemäss der Sage soll Khye Bhumsa der Vorfahr des ersten sikkimesischen Königs, Pün-Tsok Namgyal sein.

Die monarchistische und buddhistische Geschichte Sikkims begann im XVII. Jahrhundert mit der Ankunft des tibetischen Lamas Lha-tsün Chembo, Mitglied der Sakya-Sekte, der später zum Schutzpatron des Landes erhoben wurde. Geboren im Jahre 1595 in Kongbu, im unteren Tal von Tsan-po (Brahmaputra) stammte der Lama aus einer Sikkim sehr ähnlichen Gegend. Lha-tsün schrieb, dass im VIII. Jh., ein tibetischer Lama, Guru Rinpoche, Sikkim während seiner Reisen durch Tibet und dessen Westgrenzen etwa hundert Mal besucht hätte. Während seiner Besuche, hätte er niemanden bekehrt, keine religiösen Bauten hinterlassen, aber viele heiligen Schriften in verschiedenen Höhlen für die Nutzung der Nachwelt verborgen und persönlich alle heiligen Stätten Sikkims gesegnet. Guru Rinpoche hätte auch die Einführung der Monarchie in Sikkim voraussgesagt.

In Sikkim angelangt als in Tibet der Lamaismus auf seinem Höhepunkt war und aktiv im Himalaya-Gebiet und in Zentralasien missionierte, verkündete Lha-tsün dort die tibetische Religion. Bereits vor seiner Ankunft, hatten die aus dem Chumbi-Tal eingewanderten, leptscha-tibetischen Siedler dem Lamaismus den Weg geebnet. Kurz nach seiner Ankunft in Sikkim begegnete Lha-tsün zwei weitern tibetischen Lamas: sie trafen an einem Ort, den die Leptscha Yaksom nannten, zusammen. Sich auf Guru Rinpoches Prophezeiung beziehend, hätte dort Lha-tsün folgende Worte gesprochen : „Wir sind in ein neues, ohne Religion lebendes Land eingetroffen, also müssen wir einen König, der das Land in unserem Namen regieren wird, ernennen.“ Die drei Lamas sandten zwei Boten nach dem Ort Gangtok, die in Begleitung eines Mannes namens Pün-tsok zurückkehrten. Im Jahre 1641, im Alter von 38 Jahren, wurde Pün-tsok unter dem Namen Namgyal, Lama und erster Chogyal (König) von Sikkim; er bestimmte Gangtok, später Rabdentse, als seine Hauptstadt, erhob den Lamaismus zur Staatsreligion und gründete die königliche Dynastie, die Sikkim bis 1975 regierte.

Zu Beginn der Monarchie, im XVII. Jahrhundert, beherrschte Sikkim zusätzlich zu seinem Kerngebiet, das östliche Nepal, das westliche Bhutan, das tibetische Chumbi-Tal und die südlich des Tista-Flusses gelegene Gegend von Kalimpong und Darjiling. Seit dem frühen XVIII. Jahrhundert, befand sich Sikkim oft im Krieg mit seinen Nachbarn Bhutan, Nepal und Tibet, die dem Königreich einen Teil seines Territoriums raubten und seine Hauptstadt Rabdentse zerstörten. Im frühen XIX. Jh., anlässlich der Ankunft der britischen Kolonialherren, verbündete sich Sikkim zunächst mit den Engländern, die jedoch später Darjiling und Kalimpong besetzten. Im Jahr 1889 drängten die Briten dem Chogyal einen Kommissar, J.-C. White, auf, womit Sikkim de facto zum britischen Protektorat wurde. Unter White wurde ein Grossprojekt zur Erstellung von Terrassen-Reisfeldern in Süd-Sikkim in Gang gesetzt, was eine noch massivere Einwanderung von nepalesischen Gorkha zur Folge hatte. Somit wurde das ethnische Gleichgewicht des Landes grundlegend geändert. Nach der Ausrufung der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947, verweigerte Sikkim zunächst die Eingliederung in die Indische Union; es trat dennoch fast naturgemäss unter den Schutz seines grossen Nachbars. Im Jahr 1975 führten durch die nepalesische Bevölkerungsmehrheit organisierte Demonstrationen zu Unruhen, die es dem Chogyal verunmöglichten, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten; Indien benutzte diesen Umstand um in Sikkim ein zweites Referendum abzuhalten. Die Mehrheit der Wähler sprachen sich diesmal für den Beitritt zu Indien aus; die Monarchie wurde alsdann abgeschafft, der Chogyal abgesetzt und Sikkim trat als 22. Staat der Indischen Union bei.

Das seit 1949 vom Sieg der Kommunisten in China geprägte internationale Umfeld ist zweifelsohne für den Gang der Ereignisse mitverantwortlich, war doch die chinesisch-indische Grenze zu einer Front des kalten Krieges und zweier konkurrierender Nationalismen aufgestiegen.


 


 

In Südsikkim aufgenommene Fotos :

 

 

 

 

 

 


 

Cosimo Nocera ist Historiker und Museumsführer am Nationalmuseum in Bangkok. Er lebte und arbeitete in Italien, der Schweiz und den Andenländern (Peru, Ecuador und Bolivien). Nach einem längeren Aufenthalt in Südost Asien, lebt er derzeit in der französischen Schweiz.

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